Samstag, 5. Mai 2018

BItte mehr Fakten als PR, Herr Postelt!

Reinhard Postelt vom NDR hat einen erschreckend schwach recherchierten Kommentar zur aktuellen Situation verfaßt:
https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Moorburg-Abwaerme-sollte-nicht-verpuffen-,hamburgkommentar238.html

Dieser Kommentar strotzt dermaßen von falschen Behauptungen, daß ich mich nach langer Zeit mal wieder die Mühe gemacht habe, die fake news bloßzustellen:

Herr Postelt, auch wenn ein Kommentar stets nur die persönliche Meinung eines Journalisten widerspiegelt, sollte sich dieser doch an Fakten orientieren. Das erwarte ich vom NDR, und das erwarte ich auch von Ihnen persönlich.
Dieser Beitrag von Ihnen ist jedoch leider ein erschreckendes Arbeitszeugnis von Ihnen, weil es viele Tatsachen verdreht. Sie plappern kritik- und recherchelos die Worte bezahlter Konzernvorstände wie Wasmuth und Hatakka von deren jüngster Pressekonferenz nach, anstatt sich mit den vorhandenen Gutachten, Wirtschafts- und Betriebsdaten und auch neutralen Beratern auseinanderzusetzen. Das darf aber nicht ihr Anspruch sein, und auch nicht der vom NDR, so etwas zu verbreiten.
Mal ein paar Ihrer fake-news als Beispiel.
1. Sie schreiben:
Vattenfall rechnete nämlich am Mittwoch vor, das alternative Fernwärmekonzept der Umweltbehörde koste 300 Millionen Euro.
> wie kann Vattenfall seriös die Kosten für etwas darstellen, mit dem Vattenfall ab dem 1.1.2019 gar nichts mehr zu tun hat? Und in dessen Planungen Vattenfall nur am Rande involviert ist? Da müssen bei Ihnen als Journalist doch die Warnglocken läuten, daß es sich um eine rein populistische Zahl handelt (ganz abgesehen davon, daß Vattenfall kein Problem damit hatte, uns allen in Wedel ein Gaskraftwerk für sogar 500 Millionen verkaufen zu wollen … Sie erinnern sich?)

2. Sie schreiben:
Dann fehlen 390 Megawatt Wärme für die Heizungen von 230.000 Hamburger Haushalten.
> leider falsch:
es sind nur ca. 200 MW (in der Heizperiode Winter/Frühjahr) für 180.000 WE, was sich auch für Sie relativ leicht recherchieren läßt. WE steht dabei für eine vereinfachte Umrechnungseinheit in der Fernwärme, nicht für Haushalte. Die anderen 200 MW in Wedel dienen nur der Absicherung und werden künftig durch das bereits installierte Gasheizwerk am Haferweg ersetzt. Auch das müßten Sie eigentlich wissen, wenn Sie sich zum Thema äußern.


3. Sie schreiben:
Tatsache ist auch, dass es einen günstigen und schnellen Ersatz gäbe: eine Fernwärmeleitung vom Kohlekraftwerk Moorburg in die Stadt.
Günstiger und schneller Ersatz? Diese fake-news haben Sie exklusiv, denn niemand, wirklich niemand hält eine Elbtrasse für günstig und schnell realisierbar. Weder die BUE noch neutrale Gutachter und auch Vattenfall nicht. Vattenfall will die Trasse übrigens daher auch gar nicht bezahlen. Was soll also so eine populistische Falschaussage von Ihnen? Nicht mal die PR-Typen von Vattenfall erzählen so einen fake.

4. Sie schreiben:

Kohlekraftwerk Wedel schon 2021 aufgrund gesetzlicher Zwänge vom Netz muss.
Das wäre zwar schön, wenn Wedel 2021 abgeschaltet wird, aber dazu gibt es eben leider keinen gesetzlichen Zwang. Also auch hier schreiben Sie schlicht die Unwahrheit. Warum?

5. Sie schreiben:
Doch die Umweltbehörde mit ihrem grünen Senator Jens Kerstan hält das für Teufelszeug, sieht es als Höllenwärme aus dem Kohlemeiler.

> ja, wie gesagt, in einem Kommentar kann mal als Journalist auch mal auf den Putz hauen. Aber müssen Sie es tatsächlich so erbärmlich schlecht machen? „Teufelszeug“ und „Höllenwärme?“ Nur weil die Grünen (und übrigens auch immer mehr Politiker von SPD, CDU/CSU, FDP und den LINKEN sowieso) der Tatsache glauben, daß die CO2 Emissionen aus Kohleheizkraftwerken für den menschengemachten Klimawandel verantwortlich sind? Und die Menschheit (und dazu zählt auch Hamburg) aufgerufen ist, diesen Klimawandel zu stoppen?
Wenn Sie diesen Fakten nicht glauben, ist das Ihre Sache. Nur täte der NDR dann gut daran, Sie nicht mehr über Themen recherchieren zu lassen, die weniger mit Glauben als mehr mit Fakten zu tun haben.



6. Sie schreiben:
Aber es ist nun mal da und darf noch jahrelang laufen.

> wieder eine fake news. Das Kohlekraftwerk Moorburg wird nicht so lange laufen, wie es darf, sondern solange der Betreiber damit Geld verdient. Ein entscheidender Unterschied und wichtig für die aktuelle Diskussion.



So, das waren noch die einfachen fake-news. Aber in den folgenden Punkten verdrehen Sie die Tatsachen nun völlig.



7. Sie schreiben:
Bisher verpufft Moorburgs Abwärme ungenutzt, sie erhitzt die Elbe und die Luft. 120 Grad ist sie heiß.



> die Wahrheit ist: Vattenfall leitet auch heute kein 120 Grad heißes Wasser (Dampf) in die Elbe und auch nicht in die Luft. Sie können ganz leicht recherchieren, was Vattenfall mit diesem 120 Grad „Wasser“ heute herstellt.



8. Sie schreiben:

Die Behauptung der Grünen, die Abwärme müsse mit viel Kohle hochgeheizt werden, ist schlicht unwahr.


> die Wahrheit ist: die NGO und (auch) die Grünen betonen die Tatsache, die Vattenfall selber zugibt: wenn Fernwärme in Moorburg bei gleichbleibender Stromproduktion ausgekoppelt werden soll, muß mehr Kohle ein- und dadurch auch mehr CO2 freigesetzt werden. Eigentlich ganz einfach zu verstehen und zu recherchieren. Warum tun Sie es nicht?



9. Sie schreiben:
Die Fernwärme Moorburgs ist vor allem günstig. Sehr günstig.


Das Finale. The biggest fake-news. Kohlewärme aus einem überdimensionierten KWK-Kohlekraftwerk durch eine noch zu bauende 250 Millionen Euro teure Elbtrasse im Jahre 2018 als „sehr günstig“ bezeichnen? Als gäbe es keine Umweltkosten, Klimaanpassungskosten, Baukosten, Transportkosten, CO2 Kosten, eine kommende CO2 Steuer, wegbrechende Stromerlöse für KoKW, wegfallende KWK-Zuschläge usw.
Herr Postelt, bitte im Jahre 2018 ankommen, und nicht mehr in 2004 verharren, als Vattenfall Moorburg plante.





10. Sie schreiben:

Ich nehme Klimaschutz sehr ernst. Aber bei der Frage: "Bezahlbares Wohnen oder - höhere Heizkosten durch eine weltweit gesehen geringe CO2-Einsparung?" sage ich: Die Wohnkosten sind Hamburgs Hauptproblem.
> wenn ich auch mal polemisch sein darf: offenbar hört bei Ihnen leider der Klimaschutz bei der Mülltrennung auf. Denn sonst könnten Sie nicht einfach alle Umwelt- und Klimaschäden, die beim Betrieb eines der größten Kohlekraftwerke Europas jeden Tag entstehen, für sich ausblenden. 

Das Sie dann noch die Dreistigkeit besitzen, das Thema der Wohnkosten mit der technischen Lösung der künftigen Fernwärme zu verknüpfen, ist die Kirsche auf der Torte. Abgesehen davon, daß die Fernwärme in HH maximal 20% aller privaten Haushalte versorgt (und Ihnen also die anderen 80% offenbar egal sind, was die Wohnkosten angeht), möchten Sie also diese 20% für die kommenden 20 Jahre in die wirtschaftliche Abhängigkeit eines ausländischen Konzerns schicken, der immer wieder beweist, daß ihm soziale und gesellschaftliche Entscheidungen in Deutschland (Umweltschutz, Atomausstieg, Volksentscheid) komplett egal sind.

Eine dringende Bitte, Herr Postelt:
werden Sie wieder Ihrem eigenen Anspruch gerecht und arbeiten Sie als NDR-Journalist und nicht als nebenberuflicher /unfreiwilliger Vattenfall-Lobbyist. Dieser Kommentar jedenfalls war nix. Meine Nummer haben Sie.

Mit wohlmeinendem Gruß
Mirco Beisheim


Keine Kommentare:

Kommentar posten